Valentinstag

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martino
Bigus Dickus
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Valentinstag

Post by martino »

over here in germany, i have been trying to sell my translation of mccutcheon's marvelous story "Valentine's Day" to all kinds of people and to all kinds of periodica.

well, everybody likes it but nobody has been buying, i am sorry to say.

cheeky as i am, i am posting (most of) it here, as a kind of valentine's day surprise. perhaps some german publishing guy will google it on valentine's day -- a long shot, but you never know, do you?

mc: my posting it here is a violation of copyright, i know, so if you dislike the idea, i will take it down (or you can just have ooh delete it...)

to all the german speakers here: enjoy. to everybody else: well, at least you can look at the funny letters with the dots on top.


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Valentinstag

von McCutcheon


Ich lebe allein. Irgendwo im Niemandsland oberhalb Upper Westside und unterhalb Columbia, wo die Mieten billig sind. Ich habe beschlossen, diesen winterlich-kalten Abend zu Hause zu verbringen.

Ich bin von einer depressiven Wolke umgeben. Schlimmer noch als der Geruch, der über meinem schmuddeligen Ein-Zimmer-Appartement liegt. Der Raum ist ziemlich leer. Er hat wenig Erfreuliches zu bieten.

Auf dem Fussboden liegen Bierflaschen (leer, oder besser: gefüllt mit Zigarettenkippen), Pizzaschachteln (leer, bis auf die Krusten), ein Minifuton (auf dem nie ein Liebesakt stattgefunden hat....abgesehen von der Lust, die ich mir selbst verarbreiche - was ziemlich häufig geschieht), ein Computer (eingeschaltet, doch bar jeglicher origineller Ideen), und eine kleine Boombox (gefüllt mit Songs über Verzweiflung und Depression).

Vor ein paar Monaten habe ich meinen Collegeabschluss gemacht. Man sagte mir, Brown sei eine gute Universität. Die Welt lag mir zu Füssen.

Ich habe den Job bei der Zeitschrift meiner Wahl nicht bekommen. Ich habe überhaupt keinen Job bekommen. Meine Beziehung zur Verlagswelt beschränkt sich auf den Diebstahl von Zeitschriften in dem Wartesaal des Port Authority. Jetzt unternehme ich lange einsame Spaziergange durch Manhattan. Meine Schuhe sind fast durchgelaufen.

Die Vorstellung, arbeitslos zu sein, ist nicht schlecht. Kein Geld zu haben ist schlecht. Aber das allein ist nicht der Grund für meine Misere. Ich leide ununterbrochen. Ich bin nicht faul. Nur unbefriedigt.

Meine Freundin Nicole hat mich verlassen, oder besser: wir haben uns getrennt. Eine Beziehung besteht aus zwei Menschen. Sie wird von zwei Menschen beendet. Allerdings liess Nicole mir kaum eine Wahl.

Vor ein paar Wochen waren wir noch ein Paar. Eines Abends kam ich in unsere gemeinsame Wohnung (unten in East Village - sie zahlte die Miete), als Nicole gerade dabei war, es mit meinem besten Feund zu treiben. Stuart nahm sie von hinten. Wildes Ficken. Er pumpte sie auf, nahm sie wie eine Hündin. Sie bumsten wie brünstige Tiere. Ich kann nicht sagen, dass sie wirklich aufhörten, als ich hereinkam.

Stuart hat mir später gesagt, sie wären nahe einem Simultanorgasmus gewesen. Nicole ist bei mir nie gekommen, hat noch nicht mal so getan als ob. Unsere Beziehung endete mit drei Menschen. Jetzt bin ich allein und habe zuviel Zeit. Statt mich künstlerisch zu betätigen oder einer anderen Beschäftigungen nachzugehen, die Menschen ohne Geld zu Würde verhilft, lasse ich mich innerlich auffressen, ohne zu wissen, ob ich überhaupt Potenzial besitze.

Klar, ich rede noch mit Stuart. Er ist mein bester Freund. In einer der Zeitschriften, deren Verleger mich nicht wollten, und die ich jetzt klaue, habe ich gelesen, dass Männer nach dem College keine neuen Freundschaften eingehen.

Ich rolle mich auf dem Futon zusammen. Einen meiner beiden Schlafsäcke benutze ich als Decke. Den zweiten habe ich in der Hülle gelassen und benutze ihn als Kissen. Draussen schneit es.

Müdigkeit. Gestern zehn Stunden geschlafen. Dauerbettwurst. Ich liege da und wünsche, ich wäre tot. Ich möchte tiefer schlafen als tief. Ich liege und versuche, mich totzuwünschen. Es funktioniert nicht. Als würde man versuchen, unter Wasser die Luft anzuhalten. Man kommt doch immer wieder hoch, um Atem zu holen, bevor es zu spät ist.

Sich treiben lassen ....

Träume .....

Nicole ...

Was? ...

Das Telefon klingelt. Ich wache auf. Vielleicht ist es Nicole.

"Hallo? Hi Mom ... Ich habe geschlafen... Weil ich müde war, vermutlich... Nein, ich habe den Anrufbeantworter noch, ich habe ihn nur ausgeschaltet. ....Weil ich schlafen wollte....Ja, er funktioniert prima ...Wirklich? ... Seit Weihnachten, na ja, eigentlich ist das doch nicht so furchtbar lange her. Ja ... ich hatte viel zu tun. Jobsuche ist praktisch eine Ganztagsbeschäftigung. Ja, man bekommt hier ein ganz akzeptables Stück Pizza für ungefähr einen Dollar... Nein, ich möchte nicht nach Hause kommen. Darüber haben wir uns doch schon Weihnachten unterhalten. Was macht ihr beide denn heute abend, du und Dad? Hört sich gut an. Nein, ich habe keine Freundin... ich treffe mich nicht mehr mit ihr... Weil ... ich weiss nicht. Okay, ich liebe dich auch. Hey Mom, uhm, könntest du mir vielleicht etwas Geld schicken? ... Ich hab' alles ausgegeben, du weisst, ich muss essen. New York ist teuer. Ja, danke Mom, und sag Dad bitte nichts. Ich liebe dich. ...Bye."

Aufgelegt. Kopfschmerzen. Ich massiere meinen Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger.

Ich habe den Anrufbeantworter (Weihnachtsgeschenk von meinem Vater, der nicht wollte, dass ich all die wichtigen Anrufe verpasse) an einen Hehler vor dem Port Authority verkauft.

Mein Prager Kalender zeigt noch Januar an. Ich schlage das Blatt über. Februar.

Während des Juniorjahres im College habe ich ein paar Wochen in Tschechien verbracht. Es war die beste Zeit meines Lebens. Ich lebte mehr als ich es jemals getan hatte. Ich fühlte mich so lebendig. An einem Ort, der von so viel Geschichte berührt wurde, werden die alltäglichen Momente zu etwas Besonderem.

Prag. Meine spirituelle Heimat. Wo ich glücklich war. Obwohl ich noch nicht einmal die Sprache spreche. Längere Konversationen blieben mir erspart. Für mich war das in Ordnung, so, manchmal ist es der Abstand zum prosaischem Melodram, der einem geistig gesund hält.

Prag. Die verlockende Architektur, Schönheit der alten Welt. Graue Gebäude die stolz wirken und dennoch tröstlich. Zufrieden mit ihrer Geschichte. In New York haben die Gebäude mitunter eine fast anmassende Wirkung. Sie vermitteln denen auf der Strasse eine Art Schwindelgefühl. Besonders, wenn man einen Kater hat.

Prag. Eine Stadt, die sich verändert. Als ich dort war, hatten die Kapitalisten sie noch nicht vereinnahmt. Ein alter Deutscher, den ich ich einer Bar traf (er war so alt, dass ich mich fragte, was er wohl in den Dreissiger Jahren gemacht hat) erzählte mir, dass Prag in den frühen Neunziger viel Ähnlichkeit mit dem Paris der zwanziger Jahre gehabt habe. Ein Ort, wo junge Menschen sich trafen und mit wenig Geld leben konnten. Die talentierteren machten Kunst. Die anderen tranken viel billiges Bier. Für die Abenteuerlustigen gab es eine Menge zu entdecken.

Prag. Meine Boheme-Stadt.

Die Sirenen vor meinem Fenster befördern mich zurück in die Realität von New York City. Rote Lichter klatschen gegen die weisse Wand. Einen Moment lang verwandelt sich der Raum in ein blühendes Bild von Jackson Pollock. Ein Bullenauto rast die Strasse hinunter, Farbe und Geräusch mit sich nehmend.

Ich höre laute Stimmen im Flur. Rauhes Volk hier. Die Sorte, von der man ungerne eine Tasse Zucker borgen würde. Ich gehe ans Guckloch. Vor meiner Tür stehen ein Mann und eine Frau.

Der Mann sieht aus wie ein Schläger, gross stark und geistig ein wenig zurückgeblieben. Die Frau könnte einmal schön gewesen sein. Sie hat ein Rockstargesicht, aber ihre Züge wirken, wie vom Leben misshandelt.

Zuviel Drogen, Suff und lange Nächte. Entweder das, oder sie steckt in einer schlechten Beziehung. Das Bild vor meiner Tür lässt alle Möglichkeiten offenen. Ihre Figur ist hübsch gerundet, perfekt für die Typen, die 'ein bisschen Fleisch auf den Knochen' mögen.

Sie trägt ein knappes Outfit, bestehend aus Glitzertop und engen Jeans. Auf ihren Wangen sehe ich Spuren von verschmiertem Maskara.

Das Gesicht des Mannes ist vor Wut rosarot angelaufen. Sie brüllen sich gegenseitig an.

"Komm zurück!", befiehlt der Mann

"Geh zur Hölle", schreit sie.

"Ich liebe dich!"

"Wie konntest du nur?"

"Liebling! Bitte!"

"Hör auf zu schleimen, du Missgeburt."

Mein Kopf ist fest gegen die Tür gepresst. Die Frau ballt ihre Hand zur Faust und holt aus. Der Mann duckt sich. Mein Guckloch wird dunkel. Ihre Hand knallt gegen meine Tür.

Rumms!

Ich spüre den Aufschlag und springe zurück. Ein Glück, dass sie nicht den Kopf ihres Liebhabers erwischt hat.

Autsch!

Ich kann ihre Stimmen noch immer hören.

"Liebling! Alles okay?"

"Tu nicht so blöd, du Wichser."

Mit einem Knall wird die Flurtüre zugeschlagen. Ende der Party. Ich greife nach meinen Zigaretten und beziehe Posten am Fenster.

Eine Strassenlaterne erleuchtet das Paar. Da stehen sie im hellen Licht, nur ein paar Meter von mir entfernt. Schnee fällt auf sie herab. Sie streiten immer noch. Ich schleiche mich näher heran.

"Du Tier!" Sie brüllt es heraus. "Ausgerechnet meine Schwester! Ich ficke den nächsten Typen, den ich treffe."

"Bitte, lass uns reingehen."

"Nie im Leben werde ich wieder mit dir reingehen!" Sie ist völlig ausser sich.

"Aber Liebling, es schneit dochl" Der Mann deutet zum Himmel. Seine Wut verflogen. Möchte zurück ins normale Leben. Als wäre nichts passiert.

"Mir ist klar, dass es schneit. Mir ist jetzt alles klar!"

Sie wirbelt herum. Schaut mich voll an. Verflucht. Beim Spionieren ertappt. Mit einem Sprung bin ich aus dem Blickfeld.

"He du!"

Ich bleibe versteckt. Zum ersten Mal seit Monaten spüre ich wie mein Herz rast.

Ein Schneeball knallt, rumms, gegen mein Fenster. Das geschmolzene Eis läuft in Schlieren am Glas hinunter.

Ich sehe einen langen Fingenagel, klick klick , gegen die Scheibe klicken.

"Mach auf Kleiner. Ich will bloss 'ne Zigarette schnorren."

Ich zeige mich. Da ist sie. Peilt in mein Zimmer. Wir stehen uns direkt gegenüber. Blickkontakt. Ich öffne das Fenster. Kalte Luft strömt herein. Ich deute auf meine Brust, so, als könne sie unmöglich mich meinen. Der Mann drückt sich noch immer auf dem Bürgersteig herum.

"Meinen Sie mich?", frage ich.

"Ja. Dich. Wie heisst du, Süsser ?"

"Brett."

"Gib mir 'ne Zigarette, Brett. Hast du vielleicht französiche da?"

"Nein."

"Liebling", mischt sich der Mann ein. "Du rauchst doch gar nicht mehr."

Ich reiche der Frau eine Marlboro Rot.

"Komm, gib mir Feuer."

Die Frau beugt sich vor. Verführerisches Flattern falscher Augenwimpern. Der Mascara verleiht ihr das Aussehen eines Waschbärs, macht sie auf traurige Art anziehend.

Ich zünde ihr die Zigarette an. Die Frau inhaliert ausdauernd. Sie bläst mir den Rauch ins Gesicht. Vermischt mit ihrem heissen Atem.

"Liebling", sagt der Mann "du weisst, wie schlecht das für dich ist. Deine Mutter ist an Krebs gestorben, verflucht nochmal."

"Ich will auch an Krebs sterben."

Die Frau läuft die Strasse hinunter. Sie tragt keine Jacke. Ich habe Mitleid mit ihr. Der Mann steht vor meinem Fenster. Mit seiner dicken haarigen Pranke deutet er auf mich.

"Wir sehen uns noch. Du stehst auf meiner Abschussliste!"

Er läuft hinter seiner Frau her. Einen Block weiter höre ich ihn noch immer brüllen. "Liebling!"

Ich? Auf seiner Abschussliste? Das hört sich nicht gut an. Gefällt mir ganz und gar nicht. Trägt nicht zur Erhöhung meiner Lebensqualität bei.

Ich schliesse das Fenster.

Ich muss hier verschwinden.


Ich weiss nicht, wen ich anrufen soll, also versuch ich's bei Stuart. Nicole antwortet. Ich lege auf.

Auf dem Fussboden liegt eine Village Voice. Nicht schwer, die verstreuten Seiten zu rekonstruieren. Filmteil. Anfangszeiten. Ein Kino am Broadway zeigt eine neue romantische Komödie mit Julia Roberts und Bruce Willis. Was solls! Wo sonst könnte ich hingehen?

Vor dem Kino ist eine lange Warteschlange. Ausser mir scheint es nur Pärchen zu geben. Küssen und Knutschen überall. Ich stehe da mit den Händen in den Taschen und versuche unauffällig zu bleiben. Ein Zuschauer am Rande des Lebens.

Im Foyer führen zwei Männer in billigen Polyestersmokings eine Diskussion. Sie sehen so wichtig aus, wie ihr Job es von ihnen verlangt. Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, aber der Mann mit dem Managerschildchen am Jacket hat einen ernsten Gesichtsausdruck. Der Dicke, ungefähr so alt wie ich, aber imposanter und männlicher, nimmt Anweisungen entgegen und nickt. Sein Haar ist um eine kahle Stelle drapiert. Natürlich fällt es immer wieder auseinander. Der Manager zeigt mit dem Daumen nach oben und entfernt sich. Instinktiv justiert der Dicke seine Frisur, holt tief Luft ( seine Speckrolle wölbt sich über den Kummerbund) und tritt der Menge gegenüber.

Der dicke Mann schreitet die Schlange ab. Hände hinterm Rücken. Ein General, der seine Truppen inspiziert.


"Okay, hört mal zu. Wir haben noch einen Platz zu vergeben."

Die Leute sind so verliebt, dass sie ihn gar nicht bemerken. Ich bin der Einzige, der ihn hört. Wie ein Idiot hebe ich die Hand.

"Meine Damen und Herren, BITTE! Wir haben nur noch einen Platz. Ist hier jemand solo?

Die Menge verstummt. Alle schauen mich an. Der dicke Mann zieht mich aus der Schlange. Ich nehme den Arm herunter.

"Okay, meine Damen und Herren, wir sind ausverkauft. Tut mir leid."

Die Menge grummelt. Ein paar Leute fluchen. Die Paare tauchen ein in die verschneite Nacht. Auf dem Weg zu Weinstuben. Kuschelorgien vor dem Kamin.

Der dicke Mann begleitet mich zur Kinokasse.

"Dieser Typ hier ist ganz allein. Er ist der Letzte." Er erklärt dem Mädchen hinter der dicken Glasscheibe die Situation. Dabei beobachtet er sein Spiegelbild im Glas und justiert sein Haar.

Die Kassiererin ist eine Sexgöttin. Völlig Fehl an diesem Platz. Mit einer Haut wie geschmolzenes Karamel und Haar, so schwarz, dass es fast blau wirkt. Hohe Stirn. Spitze, vorlaute Nase. Lippen, als hätte eine Biene sie gestochen. Grüne Augen, exotischen Juwelen gleich.

"Hi", sage ich. Sie ist es wert, dass ich wieder in die Gesellschaft eintrete. "Wie gehts?"

"Das reinste Paradies", antwortet sie matt. "Macht neun Dollar fünfundsiebig."

Ich greife in meine Tasche und finde drei zerknitterte Scheine. Das Mädchen streicht sie mit ihren langen, geschmeidigen Fingern glatt.

"Und - was machst du so?"

"Am Valentinstag arbeiten, wie du siehst. Da fühlt man sich wie eine echte Verliererin. Du schuldest mir sechs Dollar fünfundsiebzig."

Ich ziehe einen Beutel mit Kleingeld hervor und baue kleine Vier-viertel-Türmchen.

"Hast du Lust, später noch was zu unternehmen?", frage ich.

"Ich hab' schon 'ne Verabredung. So 'ne Verliererin bin ich nun auch wieder nicht. Das sind nur fünf dollar fünfundsiebzig. Du schuldest mir immer noch einen Buck."

Ich schichte ein letztes Türmchen aus Messing- und Kupfermünzen auf. Das Mädchen gibt mir das Ticket, Der dicke Mann grabscht meinen Arm.

"Komm schon, Romeo. Die Vorschau hat längst angefangen."

Wir eilen durchs Foyer. Der dicke Mann bleibt stehen. Zerreist das Ticket. Drapiert sein Haar um die kahle Stelle.

"Kino drei. Ganz hinten."

Ich öffne die Tür zu Kino drei. Drinnen ist es stockfinster. Ich warte, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Der Raum ist gigantisch. Fünfhundert Plätze. Sämtliche Zuschauer sitzen bereits. Ende der Vorschau. Der Film beginnt. Ich halte Ausschau nach dem einzigen leeren Platz.

Sobald ich mich orientieren kann, habe ich ihn entdeckt. Er befindet sich genau in der Mitte des Theaters. Reihe dreizehn. Ich laufe den Gang entlang und spreche den Mann am Ende der Reihe an.

"Ähem, entschuldigen Sie. Könnten Sie bitte eins weiterrutschen?"

"Was ist los, Mann? Der Film fängt an. Was wollen Sie?"

"Da vorn ist ein freier Platz. Ich dachte, wenn alle weiterrücken, könnte ich ..."

""Halt die Klappe, Junge."

Ich versuche, mich vorbeizuquetschen.

"Okay, okay. Wenn Sie mich bitte vorbeilassen würden, äh, entschuldigen Sie bitte,"

Der Mann steht auf. Er ist über einsneunzig. Blickt drohend auf mich herunter. Als ob er sich gern anlegt.

"Hör mal zu, Freund. Meine Frau und ich versuchen, uns diesen Film hier anzuschauen. Also hör' auf zu nerven."

"Ich versuche doch nur durchzukommen."

Ein paar Reihen hinter uns keift eine Frauenstimme. "Runter da vorn!"

Der Mann wirbelt herum. "Halt die Klappe."

"Ruhe jetzt!"

Hier komme ich nicht weiter. Der Scheisskerl wird mich nicht vorbeilassen.

Der Mann setzt sich wieder. Die Frau schweigt. Ich wende mich der Leinwand zu. Eine hübsche junge Schauspielerin mit Löwenmähne geht im Park spazieren. Sonniger Tag, leichte, mit Musik unterlegte Briese. Nichts auf der Welt bereitet ihr Sorgen.

Ich laufe den Gang hoch, hinter der letzten Reihe entlag und auf der anderen Seite zurück. Als ich bei meiner Reihe ankomme, sage ich kein Wort. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit arbeite ich mich zu meinem Platz vor. Ich höre ein Knirschen, blicke nach unten. Mein Fusssteckt in einem grossen Becher Butter-Popcorn.

Eine Faust schnellt hoch und reisst an meinem Jacket. Ich werde auf Augenhöhe hinuntergezogen. Auge in Auge mit jemandem, der wie ein sanftmütiger Bibliothekar aussieht. Ein Bibliothekar mit Angriffslust.

"Das hat mich zehn Dollar gekostet", sagt er. Seine Stimme klingt gebildet, gefühllos und neurotisch.

"Es tut mir leid. Ich habe nicht gesehen. Ich ...

"Schatzi." Die Frau des Mannes lehnt sich vor. "Ich bin sicher, der junge Mann hat das nicht mit Absicht getan. Zähl einfach bis zehn." Sie hat eine beruhigende Psychaterstimme.

Auf der Leinwand sitzt die Schauspielerin gerade in einem Ruderboot auf einem stillen See. Ihr Begleiter ist ein gutaussehender Mann. Der Typ hat nicht besonders viel Haar, aber das macht nichts. Dies ist ein Film. Sie küssen sich.
Popcornmann atmet tief durch. Trying to find his happy place.

"Ersetzen Sie mir einfach die Packung. Dann ist alles in Ordnung."

"Tut mir leid, ich habe kein Geld."

"Hör mal zu, du kleiner Scheisser." Er beginnt zu hyperventilieren.

Ruhig, ruhig, Schatz" sagt die Frau. "Denk an Lektion zwei: Du musst atmen. Wie wärs, wenn ich für das Missgeschick des jungen Mannes aufkomme?"

"Du? Du! Alles Geld, was du hast ist mein Geld! Wie, verflucht nochmal, käme ich darauf , mit meinem Geld für den Schaden zu zahlen?"

Ich kann diesen Schwachsinn einfach nicht fassen.

Eine Frau aus der Reihe hinter uns, beugt sich vor. Sie besitzt die Eleganz von Audrey Hepburn und die Anmut von Grace Kelly. Die Grossmutter, die ich nie hatte. Ich beneide ihre Enkel. Ich bin sicher, dass ihr Leben ohne grössere Schwierigkeiten verläuft.

"Entschuldigen Sie, bitte"; sagt sie. "Ich komme für den Schaden auf, wenn wir einfach zusammen den Film geniessen können."

Die Dame überreicht dem wütenden Mann zehn Dollar. Er steckt das Geld in die Tasche und wendet sich dem Film zu. Seine Atmung hat sich normalisiert. Die Ehefrau verschränkt die Finger ihrer rechten Hand mit denen ihres Gatten. Mit der linken tätschelt sie ihm sanft den Handrücken.

Ich blicke hinunter auf meinen Schuh. Er ist mit fettiger Popcornbutter beschmiert. Ich befinde mich noch immer in geduckter Haltung. Möchte mich nicht neben Mr. Psycho und Mrs. Wellness setzen. Die grossmütterliche Dame tippt mir auf die Schulter. Sie lässt einen kleines Stück Papier in meine Hand gleiten. Ich umschliesse es fest und mache einen zügigen Abgang.

Im Foyer öffne ich die Hand. Hoffentlich ist es keine Telefonnummer, die sexuelle Handlungen verspricht. Ich möchte mir den Eindruck von der netten Dame nicht zerstören lassen.

In meiner Handfläche liegt ein gefalteter 100 Dollar Schein. Well all right. Ich möchte gern zurückgehen, um der Dame zu danken, aber auch für 1000 Dollar bringt mich niemand mehr dort hinein. Ich stecke das Geld in meinen Socken.

Irgendwie muss ich die Butter von meinem Schuh herunterbekommen.

Ich betrete die Männertoilette. Mein erster Fuss setzt auf den glänzenden Kacheln auf und rutscht unter mir weg. Der zweite folgt. Ich lande flach auf dem Hintern. Der Fussboden ist klatschnass. Feuchtigkeit dringt durch meine Hose.

Verdammte Scheisse!

Der dicke Mann ist weiter hinten im Toilettenraum. Betrachtet sich im Spiegel. Hätschelt seine spärlichen Locken. An der Wand lehnt ein Mop und ein Schild mit der Aufschrift "Vorsicht! Rutschgefahr!"

Er schaut mich an. "He! Ich hab' da eben gerade gemoppt!"

"Das habe ich gemerkt!" Ich komme wieder auf die Füsse.

"Wieso schaust du dir nicht den Film an?"

"Ich kam nicht zu meinem Platz."

"Wie meinst du das"

"Egal."

"Aber das ist nicht in Ordnung. Du hast für den Film bezahlt, du schaust dir den Film an. Das Geld bekommst du jedenfalls nicht zurück."

"Das ist okay."

Der dicke Mann beschäftigt sich wieder mit seiner Frisur. Ich bin gerade dabei, hinauszugehen, als er sich zu mir wendet.

"Ich heisse Harry."

"Hallo Harry, ich bin Brett."

"Harry Toes."

"Wie bitte?"

"Mein richtiger Name ist Harry Toes."

"Und ?"

Na, willst du mich nicht was fragen?"

"Was?"

"Ob ich haarige Zehen habe?"

"Ahm..."

"Um ehrlich zu sein. Ich habe haarige Zehen. Ich habe dicke flache Füsse voller Haare. Genau wie ein Hobbit."

Ich weiss nicht, was ich sagen soll, also sage ich: "Ich weiss nicht, was ich sagen soll."

"Kennst du den Hobbit?"

"Ja."

Harry lächelt. Er hat mich in sein Leben aufgenommen. Mir etwas Persönliches erzählt.

"Einfach so, von Mann zu Mann, was meinst du?"

"Was?"

"Ich trage jetzt kein Toupee mehr. Vielleicht sollte ich mir den Kopf rasieren. Das ist jetzt Mode wegen den Michaels."

"Michaels?"

"Jordan und Stipe."

"Ah, ja, vermutlich. Ich habe etwas Geld dabei. Hast du Lust, ein Bier trinken zu gehen?" Gott, ich muss wirklich sozial ausgehungert sein. Doch bevor ich noch weiter absteige, gibt er mir einen Korb.

"Würde ich gern, aber ich hab' ne Verabredung."

"Oh."

"Mit Franny." Selbstgefälliges Grinsen.

"Wer?"

"Franny. Das Mädchen, dass du versucht hast, anzubaggern."

"Das war kein anbaggern ..."

"Kein Problem, Mann. Ich weiss wie einsam man sich an Nationalfeiertagen fühlt."

"Ich mache den Abgang. Harry ist wieder bei seinem Haar. Er sollte es abrasieren.

Draussen schneit es noch immer. Der weisse Puder lässt New York sauberer erscheinen, als es ist. Flauschig. Domestiziert.

Ich komme an einen Fussgängerüberweg. Die Ampel ist grell rot. Ich bleibe stehen, um die Schneeflocken zu beobachten, dabei kneife ich die Augen zusammen, um den Effekt des roten Lichts abzumildern. Psychodelisches Winterwunderland.

Ein roter Chevy rumpelt heran. Ich schenke ihm keine Beachtung. Jemand hupt, stört meine Trance. Der Wagen hält am Bordstein.

Am Steuer sitzt Harry Toes. Hupend und winkend wie ein Lottogewinner. Franny auf dem Beifahrersitz ist dabei, dunkelroten Lippenstift auf ihre üppigen Lippen aufzutragen. Sie ignoriert mich völlig. Ich winke schwach zurück.

Der Motor heult auf. Harry Toes ist auf und davon. Mit seinen haarigen Füssen. Mit der lieblichen Franny. Die Schöne und das Biest.

Ich biege vom Broadway ab und laufe Richtung Amsterdam. Nicht viele Leute unterwegs heute abend. Ich fühle mich einsam. Wann immer ich an einem Ort bin, wo sich gewöhnlich viele Menschen aufhalten, und der plötzlich verlassen ist, überfällt mich ein merkwürdiges Gefühl. So, als würde ich das Ende einer Tragödie erleben, wo alle bereits tot sind.

Vor einer Bar bleibe ich stehen. Leute gehen immer aus, um zu trinken. Nicht gerade die Angehörigen besserer Gesellschaftsschichten. Faulenzer, Perverse, Verlierer.

Ich versuche durchs Fenster zu schauen. Es ist so schmutzverklebt, dass ich nichts erkennen kann. Die Tür steht offen. Ich gehe hinein.

Die Kneipe wirkt finster und schmuddelig. Rauch schwebt unter der Decke. An der L-förmigen Bar sitzen nur zwei Leute. Aus der Jukebox tönt Hank Williams sanft mit einem alkoholgetränken Liebeslied.

Barfly 1 ist rund und vom Alkohol bereits rosa angelaufen. Knollennase. Er sieht aus wie eine Kröte, die man auf einen Barhocker hat fallen lassen Seine Brötchenspalte schaut hinten aus der Hose heraus, so dass sein Arsch wie ein zerbrochenes Herz wirkt. Er trägt einen Pin mit der Aufschrift: 'Küss mich, ich bin Ire'. In dere Hand eine Flasche Budweiser.

Barfly 2 ist so dünn und schlaksig wie sein Saufkumpan rund ist. Seine Körperhaltung gleicht einem Fragezeichen. Auf der Theke vor ihm steht ein Glas Whisky.

Ich drehe mich um und will wieder hinausgehen.

"Was? Wir sind wohl nicht gut genug für dich?", fragt Barfly 1.

"Wie bitte?"

"Ich sagte, du findest wohl, dass wir nicht gut genug aussehen."

"Nein." Ich setze mich an die Bar. Barlfy 1 deutet auf seinen Pin.

"Und warum gibst du mir dann keinen Kuss? Ha. Ha. Ha."

"Falscher Feiertag."

Ich fühle mich ziemlich unbehaglich. Trommle mit den Fingern auf die Theke. Die Barflys bewegen sich nicht von ihrem Fleck. Einen Barkeeper scheint es nicht zu geben. Die Jukebox ist verstummt.

Barfly 1 schaut mich an. "Das da ist Dexter und ich bin der Ralph."

Dexter bewegt sich nicht. Cool und Kontrolliert.

"Also Ralph", sage ich. "Was muss ich tun um hier einen Drink zu bekommen?"

"Mike ist grade mal rausgegangen", meint Ralph. "Hat Streit mit der Missis."

"Mit seiner Kleinen am Valentinstag zu streiten is nich okay", sagt Dexter.

Ralph erhebt sich langsam und quetscht sich hinter die Bar. "Was willst du trinken?"

"Na, ja ..."

"Ich mach' aber keins von diesen modernen Mixgetränken."

"Klar, dazu muss man ein bisschen von Mixologie verstehen."

"Ich könnt' eins machen, wenn ich wollte. Aber ich mag die Leute nicht, die sowas trinken."

"Ein Bier. Hast du ... haben die hier Pilsner Urquell?"

"Die haben Budweiser."

Er stellt das Bier vor mich auf die Theke. Ich greife nach unten um das Geld aus meinem Socken zu holen.

"Danke"

"Geht auf mich". Er legt einen Dollar in die Kasse.

"Danke. Wisst ihr, dass man in Europa zu Budweiser einfach 'Bud' sagt. Weil das echte Budweiser aus Budvar kam. Der damaligen Czechoslovakai, jetzt Tschechien genannt. Ich bin in der Brauerei gewesen, nicht weit von Prag. Die machen das beste Bier der Welt. Besser als dieses Sch... hm, es hat einen höheren Alkoholgehalt."

Die Barfleigen schauen micht an, als würde ich in einer Fremdsprache reden.

"Hast du Kohle?", fragt Ralph. "Scheisse, Alter, nächstes Mal kannst du dein Bier selbst bezahlen."

"Nein. nein."

"Aber du musst reich sein, wenn du nach Europa gehen kannst", meint er.

"Eigentlich ist es ziemlich billig. Die tschechische Wirtschaft liegt weit hinter der anderer Europäischen Staaten, aber langsam werden auch sie vom Westen infiltriert mit Mc Donalds und dem ganzen Scheiss .... die haben diesen coolen Präsidenten, namens Havel, er war Drehbuchautor und auch schon mal im Gefängnis. Er hat mit Frank Zappa und Lou Reed herumgehangen... Ich wünschte, ich wäre jetzt dort."

"Ich mag McDonalds"; sagt Ralph.

Ich nippe an meinem Bier.

"Es kommt nicht darauf an, wo du bist, sondern wie du dich benimmst. Ich war mal in Seattle, eine kleine nette Stadt am Nordpazifik, aber ich habe mich schlecht benommen, deshalb hat man mich rausgeschmissen."

"Dich rausgeschmissen?" Der Wiskey scheint ihm zu Kopf gestiegen zu sein.

"Nichts ist so gut gegen Kater, wie den Mont Rainer an einem klaren Tag anzugucken."

"Wart mal". Ich kapier das nicht. "Was meinst du mit: die haben dich rausgeschmissen. Wer? Der Bürgermeister, der Governeur oder die Bundes (?)Polizei?"

"Ich weiss nur, dass ich lebenslang verbannt bin."

"Aus Seattle? Das ergibt keinen Sinn."

"Egal. Jedenfalls gibt es dort in den Bars keinen Whisky. Und die Sportsmannschaften verrecken immer in der Endausscheidung."

"Weisst du was Dexter"?, meint Ralph.

"Was?"

"Ich hab grad die Idee, dass wir einfach hier sitzen bleiben sollen."

"Wir sitzen doch immer hier, Ralph. Ausser wenn du rüber zur Pizzabude gehst."

"Nein, Dex. Ich meine, du und ich und Mister Grosskopf-Weltreisender, wir können diesen Laden hier einfach übernehmen. Verstehst du? Ein Traum wird wahr!"

Ralph erhebt sich von seinem Hocker. Zieht die Hose hinten hoch. Reibt sich die Hände.

"Okay Dexter, die Nächste geht auf mich. Was nimmst du?"

"Füll einfach auf."

"Diesmal das richtig gute Zeug?"

"Nee, einfach das gleiche nochmal."

Ralph sieht sich suchend um. Er hieft einen riesigen Plstikbehälter mit Whisky hoch. Schüttet ein wenig in das Glas seines Freundes. Blickt sich wieder um. Entscheidet sich für ein weiteres Budweiser. Ich kann es einfach nicht glauben.

"Was? Wir sind ganz allein in einer Bar, alles ist umsonst und ihr trinkt Budweiser und Whisky, der aus einer Plastikflasche kommt. Wie wärs, wenn ich uns ein paar schöne Martinis machen würde. Gin oder Wodka?"

"Wodka. Gin ist für englische Schwuchteln", meint Ralph. Er deutet auf seinen Pin.

Ich stehe auf und gehe um die Bar herum. Als ich an Ralph vorbeikomme, spitze ich die Lippen zu einem Kuss. Hinter der Bar befindet sich ein Plasikshaker und ein paar schmutzige Martinigläser. Bei der Stammkneipe dieser Jungs handelt es sich wirklich ein hochrangiges Etablissement. Ich spüle alles ab und mache mich an die Drinks. Was den Wodka betrifft, so gibt es nicht viel Auswahl. Ich finde eine halbleere Flasche Smirnoff, einige Oliven im Kühlschrank. Ich kühle die Zutaten mit viel Eis.

Shake. Shake.

Ich giesse die Drinks in die Martinigläser. Zünde eine Zigarette an. Wir halten unsere Gläser hoch.

"Cheers."

(Aus Copyrightgründen sind die letzten vier Seiten hier nicht zu finden!)
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Martino.. that's great.

Should we start an international edition of this website?
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mccutcheon
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Thanks Martino, yesterday was the first V.D. I spent in NYC since writing that story. I went out with work people and their friends and met a cool Danish guy and told him about the site.
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martino
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you are very much welcome mc

pax acidus international: ooh, go for it
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mccutcheon
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we don't get much fan emails anymore but when we do it's a beautiful thing. Thanks Laura.

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Comments: You guys are beautiful writers..I'm not sure how I got here
but I'm glad I did. I really look up to you.
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